* 29 *
Der schwarze Nebel wälzte sich weiter und hatte jetzt die Tür von Larrys Laden für tote Sprachen erreicht. Er legte sich um die Ränder der Tür, fand Ritzen, strömte durch Astlöcher, zwängte sich durch Holzwurmgänge. Er wallte um die Stapel fertiger Übersetzungen, wirbelte um die mehrfach gekittete Vase und löschte die Kerzen in dem Schaufenster, das Beetle so liebevoll dekoriert hatte. Er drängte weiter durch den Laden, dann die Galerie hinauf, den Treppenabsatz entlang und die wackelige Wendeltreppe empor. Larry erwachte in seiner Schlafstube im hinteren Teil des Hauses. Er setzte sich in seinem Bett auf, zog die Decke bis ans Kinn, starrte in die Dunkelheit und horchte. Da stimmte etwas nicht. Er schwang die spindeldürren Beine aus dem Bett, und als er die nackten Füße auf den Boden setzte und vor der Kälte der Dielen zurückzuckte, bemerkte er, dass schwarzer Rauch unter der Tür hervorquoll. Erschrocken sprang er auf – das Haus brannte!
Der Rauch kam auf ihn zu. Dann kringelte er sich um seine kalten Zehen, und langsam, wie im Traum, setzte sich Larry wieder. Ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit durchströmte ihn. Er war wieder in seiner alten Schule und nahm zum siebten Mal den Preis als bester Lateinschüler entgegen. Sein Vater saß im Publikum, in der ersten Reihe, und lächelte ihm zu. Ihm, Larry. Dem gescheiten Larry ...
Der schwarze Nebel breitete sich über ihn, und Larry sank auf das Bett zurück. Sein Atem ging langsamer, und wie eine Schildkröte im tiefsten Winter glitt er in einen traumlosen Zustand irgendwo zwischen Leben und Tod.
Marcia trat mit Jillie Djinn und Marcellus, der Merrin fest im Griff hatte, auf die Zaubererallee hinaus und schloss rasch die Tür zum Manuskriptorium hinter sich ab. Sie durfte gar nicht daran denken, was sie hier zurückließ, aber noch schlimmer war das, was sie vor sich sah. Wie eine pulsierende schwarze Kröte kroch eine dunkle Wand die Zaubererallee herauf.
Mit Entsetzen entdeckte sie, dass vor der Nebelwalze eine Reihe von Gespenstern herging. Sie bildeten das Geleit des Dunkelfelds. Wie ein Furcht einflößender Suchtrupp schwärmten sie auf der Zaubererallee aus, und der Nebel waberte hinterdrein. Marcia war starr vor Schreck und außerstande, den Blick von der Katastrophe abwenden, die sich vor ihren Augen abspielte.
Marcellus versuchte, sie fortzuziehen. »Marcia, Sie müssen sofort in den Zaubererturm.«
Merrins Augen funkelten Marcellus boshaft an. Er spürte, wie seine Kräfte wuchsen, je näher ihnen das Dunkelfeld kam. Der doppelgesichtige Ring an seinem Daumen wurde heiß, und die grimmigen grünen Gesichter begannen zu glühen. Das obere Gesicht zwinkerte ihm zu, und da wusste er, dass er Marcia besiegen konnte. Dass er alle besiegen konnte. Er hatte jetzt zu bestimmen. Er war der Beste.
Zuerst brach er mit der schlimmsten Beleidigung, die jemals in der Burg zu hören war, den Stummzauber, und dann den Haltezauber. Mit einer energischen Drehung riss er sich von Marcellus los und trat ihm kräftig gegen das Schienbein. Während der alte Alchimist auf und ab hüpfte und vor Schmerz nach Luft schnappte, reckte Merrin die Arme in die Luft, riss mit einer spöttischen Geste die Handgelenke auseinander und sprengte die Fessel, als wäre sie aus Seidenpapier. Den Augenblick des Triumphs voll auskostend, sprang er vor, wedelte mit dem linken Daumen vor Marcias Gesicht herum und lachte, als sie vor ihm zurückwich. Die beiden Gesichter des Rings leuchteten jadegrün und funkelten sie boshaft an.
Marcia begriff, dass es für Merrins plötzlichen Machtzuwachs nur einen Grund geben konnte – das immer näher rückende Dunkelfeld war tatsächlich von ihm erzeugt worden. Bis zu diesem Augenblick hatte sie ihm dergleichen nicht zugetraut, doch als er nun davonsprang und dabei herausfordernd die Faust mit dem leuchtenden Ring in die Luft reckte, da wurde ihr klar, wie viel Macht er bereits ausübte. Diese Erkenntnis erschreckte sie sehr.
»Du Dummkopf«, rief sie ihm nach. »Du hast ja keine Ahnung, womit du dich da einlässt!«
»Du auch nicht, Zaubertante«, feixte Merrin. »Lauf nur zu deinem funkelnden kleinen Turm, und nimm die dumme Gans ruhig mit. Ich brauche sie nicht mehr. Bis später! Ha, ha, ha!« Merrin konnte kaum an sich halten. Noch nie hatte er ein so aufmerksames – und staunendes – Publikum gehabt. Es war herrlich. Genau das hatte er sich immer gewünscht.
»Weißt du, was ich von deiner dummen Magie halte, Zaubertante?«, rief er Marcia zu und schnippte verächtlich mit den Fingern. »Nix!« Er tänzelte rückwärts davon, das Gesicht angestrahlt von den noch brennenden Fackeln und den Kerzendekorationen, die geisterhaft die leere Straße beleuchteten. »Fang mich doch, wenn du dich traust!«, schrie er.
Marcia traute sich. Es war zwar unter ihrer Würde, aber das kümmerte sie nicht. Merrin hatte die kostbare Hälfte der paarigen Geheimformeln in seinem hässlichen kleinen Bauch, und sie durfte die letzte Chance, ihn zu bezwingen, nicht ungenutzt verstreichen lassen. Sie stürmte, die Verfolgung aufnehmend, die Allee hinunter. Merrin lachte und rannte los. Sein Schreibermantel flatterte, und dazu schlug er wild mit den ausgebreiteten Armen wie ein Vogel, der zu seinem Schwärm flog.
Marcellus jagte Marcia hinterher. Er war lange nicht mehr gerannt, und seine Schuhe waren dafür nicht gerade ideal, schon gar nicht nach dem Zwischenfall an der Tür des Manuskriptoriums. Doch Marcias spitze Pythons waren noch weniger renntauglich, und so hatte er sie bald eingeholt.
»Marcia ...«, keuchte er und fasste nach ihrem Arm. »Bleiben Sie stehen!«
Marcia schüttelte seine Hand ab. »Loslassen«, zischte sie.
Marcellus ließ nicht locker. »Nein, Marcia, begreifen Sie denn nicht? Je näher Sie dem da kommen ...«, er deutete mit der freien Hand auf das vorrückende Dunkelfeld und seine Eskorte, »... desto mehr Macht verleiht es ihm, und desto mehr Macht entzieht es Ihnen. Kehren Sie um, bevor etwas Schreckliches passiert.«
»Es ist bereits etwas Schreckliches passiert«, bellte Marcia und nahm wieder die Verfolgung auf.
Marcellus hielt nur mühsam mit ihr Schritt. »Es könnte noch schlimmer kommen ... Noch haben Sie den Zaubererturm ... Setzen Sie nicht alles aufs Spiel, nur wegen dieses bösartigen kleinen Schreibers.«
Marcia blieb stehen. »Sie verstehen nicht – er hat die paarigen Geheimformeln.«
Marcellus sah sie bestürzt an, fasste sich aber schnell wieder. »Sie müssen die Geheimformeln ihrem Schicksal überlassen. Sie müssen zurück in den Zaubererturm.« Seine Stimme zitterte vor Erregung. »Sie dürfen nicht auch noch den Turm verlieren.«
»Ich werde keines von beiden verlieren«, brauste Marcia zornig auf. »Warten Sie nur ab!«
Mittlerweile lag gut die Hälfte der Zaubererallee hinter ihnen. Die schwarze Nebelwand war nur noch ungefähr hundert Meter entfernt. Vor der Wand schritten in breiter Linie die Gespenster und zogen das Dunkelfeld langsam hinter sich her.
Merrin lief weiter auf den Nebel zu, drehte sich aber immer wieder um, um sich davon zu überzeugen, dass ihn Marcia und Marcellus noch beobachteten, machte unflätige Gesten und schrie unanständige Wörter. Er kam seinem Dunkelfeld immer näher.
Marcia richtete ihre ganze Konzentration auf Merrin und maß die Entfernung mit den Augen. Dann hob sie den Arm und murmelte die Formel für einen Gefrierzauber. Ein eisblauer Lichtstrahl schoss aus ihrer Hand, zischte in hohem Bogen durch die Luft und traf Merrin mit einem grellen weißen Blitz mitten im Rücken. Er stieß einen lauten Schrei aus und geriet ins Taumeln.
»Guter Schuss«, knurrte Marcellus.
Marcia verzog das Gesicht. Es war das erste Mal, dass sie jemanden mit einem Zauber hinterrücks angriff. Dies galt als die niederste Form der Magie, aber für solche Feinheiten war jetzt keine Zeit. Bisher hatte sie davon abgesehen, Merrin einzufrieren, weil sie dachte, sie könnte ihn in den Zaubererturm schaffen und die Sache dort in Ordnung bringen. Jemanden einzufrieren war für ihn gefährlich und wollte gut überlegt sein. Nun aber, da das Leben aller Burgbewohner auf dem Spiel stand, konnte sie auf Merrins Gesundheit keine Rücksicht mehr nehmen.
Eingehüllt in die knisternde blauweiße Wolke des Gefrierzaubers, drehte sich Merrin langsam um. Er zitterte und schüttelte sich, als hätte ihn ein eisiger Windstoß erfasst, aber er erstarrte nicht. Ein paar Sekunden lang stierte er Marcia an, als ob sein Gehirn verlangsamt arbeitete und zu begreifen suchte, was geschehen war. Marcia erwiderte seinen Blick und wartete ungeduldig darauf, dass die Wirkung des Zaubers eintrat. Der vom Zauber mit Reif überzogene Merrin hob sich hell von dem schwarzen Nebel hinter ihm ab, doch schon bald leuchtete er etwas schwächer. Fassungslos sah Marcia zu, wie der Glanz des Eises verblasste. Dann schüttelte Merrin das Eis ab, so wie sich ein Hund nach einem Bad das Wasser aus dem Fell schüttelt.
Marcias Zauber hatte versagt. Da erst verstand sie wirklich, womit sie es zu tun hatte.
Marcellus trat neben sie. »Sie müssen jetzt von hier fort«, sagte er leise.
»Ja, ich weiß«, erwiderte Marcia, rührte sich aber nicht von der Stelle.
Merrin frohlockte – er hatte die Außergewöhnliche Zauberin bezwungen. Im Rausch seines Sieges wandte er sich an die Gespenster und brüllte: »Schnappt sie euch!«
Marcellus sah, wie drei Gespenster gleichzeitig ihren Schritt beschleunigten. Und als sie ein Stück vor den anderen waren, hatte er genug gesehen. Er packte Marcia an der Hand und rannte, sie hinter sich herziehend, die Zaubererallee hinauf. Er wagte es nicht, sich umzusehen.
Atemlos erreichten sie das Manuskriptorium, wo Jillie Djinn noch immer mit stierem Blick dastand und wartete.
Marcia kam wieder zu Sinnen. Sie drehte sich um, um festzustellen, wie dicht die Gespenster hinter ihnen waren, und sah zu ihrer großen Erleichterung, dass sie kaum vom Fleck gekommen waren. Ein sich ausdehnendes Dunkelfeld benötigt viel Energie, und die Gespenster waren langsam und schwerfällig. Marcia legte einen Notsperrzauber über die Zaubererallee, obwohl sie wusste, dass er die Verfolger nur für kurze Zeit aufhalten konnte, dann setzten sie und Marcellus, die teilnahmslose Obermagieschreiberin in die Mitte nehmend, die Flucht zum Zaubererturm fort.
Am Großen Bogen stießen sie auf eine übernervöse Hildegard.
»Madam Marcia! Dem Himmel sei Dank, dass Sie endlich da sind!«
Marcia verlor keine Zeit. »Ist Septimus zurück?«, fragte sie sofort.
»Nein.« Hildegard klang besorgt. »Wir dachten, er wäre bei Ihnen.«
»Das habe ich befürchtet.« Marcia wandte sich an Marcellus und legte ihm eine Hand auf den Arm. »Marcellus, würden Sie bitte Septimus für mich suchen? Und auf ihn aufpassen?«
»Deswegen bin ich doch im Manuskriptorium gewesen, Marcia. Ich bin auf der Suche nach ihm. Ich werde nicht ruhen, bis ich ihn gefunden habe, das verspreche ich Ihnen.«
Marcia schenkte ihm ein gequältes Lächeln. »Danke. Sie wissen, dass ich mich auf Sie verlasse?«
»Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals aus Ihrem Mund hören würde!«, erwiderte Marcellus. »Es muss wirklich schlimm um uns stehen.«
»Allerdings«, sagte Marcia. »Marcellus, falls ... falls irgendetwas passieren sollte, gebe ich meinen Lehrling in Ihre Obhut. Leben Sie wohl.« Damit drehte sie sich um und verschwand im dunkelblauen Schatten unter dem Großen Bogen, der vom Geklapper ihrer Schuhe widerhallte.
Marcellus blieb noch eine Weile stehen und beobachtete etwas, was er bisher nur ein einziges Mal, nämlich in seinem ersten Leben als der bedeutendste Alchimist der Burg, gesehen hatte. In der Mitte des Großen Bogens senkte sich die Barrikade, eine dicke Platte aus altem, angefressenem Metall, lautlos von oben herab und verschloss den Hauptzugang zum Hof des Zaubererturms. Sie war, wie Marcellus wusste, der erste von mehreren Schutzschilden, die nun in Stellung gebracht wurden, um den Turm mit seinen stärksten und ältesten Zauberkräften zu verteidigen.
Als Nächstes kam der vierseitige Lebend-Schutzschild an die Reihe (er war der stärkste mögliche Schutzschild und trug die Bezeichnung »lebend«, weil er die Energie vieler Lebewesen in seinem Innern benötigte, um aktiv zu bleiben. Im äußersten Notfall konnte er auch selbstständig handeln). Wie die Barrikade war ein Lebend-Schutzschild äußerst selten. Marcellus beobachtete, wie er aus der Mauer, die den Turm umringte, langsam emporstieg, eine blau schimmernde Haut, die ein schauriges Licht auf die Zaubererallee warf.
Zufrieden, dass der Turm nun geschützt war – jedenfalls einstweilen –, eilte Marcellus davon und überließ die Zaubererallee ihrem Schicksal. Sein Mantel verschmolz mit den Schatten, als er in einer sehr schmalen Lücke zwischen zwei alten Häusern verschwand.
In seinen Tagen als Burgalchimist waren solche Lücken unter dem Namen Schlüfte bekannt gewesen. Sie stammten aus der Frühzeit der Burg, als die Häuser zwischen Zaubererallee und Burggraben errichtet worden waren. Um die Ausbreitung von Feuersbrünsten zu erschweren, hatte man die Häuser in Zweier- oder Dreierblöcken gebaut und zwischen den Blöcken jeweils eine Lücke gelassen, die so schmal war, dass sich ein Bertie Bott nie und nimmer hätte hindurchzwängen können. Doch Marcellus schlüpfte durch die Schlüfte wie eine Schlange durch ein Rohr und lief eilig zu jenem Ort, an dem er Septimus vermutete. Er konnte nur hoffen, dass der Außergewöhnliche Lehrling dort war. Es war seine letzte Chance, Septimus zu finden, ehe der schwarze Nebel alles verschlang.